78.618
Die Tenderschellzuglokomotive der Baureihe 78.6 (729) spielt sowohl in der Geschichte des österreichischen Dampflokbaus und -betriebs als auch in der Geschichte der ÖGEG eine herausragende Rolle. Die Baureihe 729 (später 78.6) wurde als Tenderlokomotive für den schweren Schnellzugsdienst auf kurzen Strecken ohne Drehscheibe an deren Ende - und solche gab es nach der veränderten Grenzziehung von 1918 mehrere - gebaut.
Die ersten zehn Loks der Baureihe 78.6 wurden 1931 noch als BBÖ-Reihe 729 in Dienst gestellt, 1936 folgten sechs 729er. Die zehn Loks des dritten Bauloses - dem auch die 78.618 entstammt - wurden 1938 bereits direkt an die Deutsche Reichsbahn ausgeliefert. Aufgrund ihrer für eine Tenderlok großzügigen Vorräte kam die Baureihe 729 entgegen den ursprünglichen Planungen sofort auf den österreichischen Paradestrecken im Schnellzugdienst zum Einsatz und bespannte dabei auch so namhafte Züge wie den Arlberg-Orient-Express.
Die neuen Lokomotiven überzeugten aufgrund ihrer Leistung, Höchstgeschwindigkeit und Laufruhe - derer die Loks auch ihren Spitznamen „Schlafwagen“ verdanken - von Anbeginn. Dementsprechend charakterisierte der bekannte österreichische Lokomotivkonstrukteur Adolph Giesl-Gieslingen die Baureihe 729/78.6 als „eine der bestbewährten und am universellsten verwendbaren, österreichischen Lokomotivbauarten“.
Nachdem die ÖBB 1956/57 alle 26 Lokomotiven mit Giesl-Flachejektor (der nach ihrem bereits erwähnten Erfinder genannten Saugzuganlage) ausrüstete, waren die 78er die modernsten Dampflokomotiven der ÖBB, verfügten sie jetzt doch über:
- Giesl-Flachejektor (leistungssteigernde und zugleich verbrauchsreduzierende Saugzuganlage)
- Heinl-Mischvorwärmeranlage (Einrichtung zur Leistungssteigerung und Verbrauchsreduktion durch Vorwärmung des Kesselspeisewassers)
- Lentz-Ventilsteuerung (optimierte Steuerung der Dampfmaschine)
- Friedmann-Achslager (abgedichtete Achslager mit erheblich geringerem Ölverbrauch und dadurch verlängertem Nachschmierintervall)
Aufgrund der fortschreitenden Elektrifizierung der Hauptstrecken wanderten die 78er ab 1965 zu kleineren Dienststellen, wie der Zugförderungsstelle (Zgfst) Amstetten ab, welche die Loks nun im Eil- und Personenzugdienst auf den Strecken abseits der Magistralen einsetzte. So erlebte auch unsere 78.618 ihr Ausscheiden aus dem Zugdienst in der Zgfst Amstetten, wo sie aber als fahrbare Heizlokomotive weiterverwendet wurde. Während dessen endete 1973 nach gut 40 Jahren der Einsatz der Baureihe 78.6 bei der ÖBB mit Abstellung der 78.609 bei der Zugförderungsleitung Wien-Nord.
Das Ausscheiden der Reihe aus dem Betriebsdienst bewog die Gruppe von Dampflokfans um den damals 20-jährigen Günther Oberbreyer 1974, einen Verein - die Österreichische Gesellschaft für Eisenbahngeschichte, kurz ÖGEG - mit dem Ziel des Erhaltes einer Lok der Baureihe 78.6 zu gründen. Nachdem der Verein gegründet, das nötige Geld durch Sonderfahrteinnahmen aufgetrieben und die ursprünglich ausgewählte 78.609 kurz vor ihrem Erwerb verschrottet wurde, gelang es 1976 schließlich die noch als Heizlok vorhandene 78.618, sowie 2 weitere Heizloks als Ersatzteilspender zu erwerben.
Die 78.618 war überhaupt die erste von einem privaten Verein erworbene Normalspurdampflokomotive in Österreich, dementsprechend groß waren anfangs auch die Zweifel der Eisenbahner, als die junge Truppe der ÖGEG sofort daran ging, die Lokomotive in Eigenregie einer Hauptuntersuchung zu unterziehen. Im Zuge dieser Hauptausbesserung wurde die Lok völlig zerlegt und sandgestrahlt, die Kessel der beiden Ersatzteilspender wurden entrohrt, um den besten der 3 Kessel auszuwählen und auszubessern, das Triebwerk wurde komplett saniert, ein Zylinder musste geschweißt werden, der Kohlenkasten wurde gänzlich erneuert. Wen wundert es in Anbetracht der Tatsache, dass ab 1978 schon weitere Loks hinzukamen, dass diese Hauptausbesserung schließlich zehn Jahre dauern und ca. 15.000 unentgeltlich geleistete Arbeitsstunden erfordern sollte.
1986 war es dann soweit und die 78.618 bewegte sich wieder aus eigener Kraft und bespannte nach fast 20 Jahren erstmals wieder einen Zug.
Das Bild nebenan zeigt die 78.618 mit einem ÖGEG/VEF-Sonderzug am 09. Oktober 1988 in Blumau an der Wild. Fotografiert hat Ing. Adalbert Zronek.
In folgenden Jahren avancierte die 78.618 zu einer der meist eingesetzten Museumsloks Österreichs und zum Liebling der ÖGEG-Personale, da sie auch im Museumsbetrieb mit allen Eigenschaften, die sie schon zu ÖBB-Zeiten so beliebt gemacht hatte, brillierte. Nach 16 erfolgreichen Jahren im Nostalgiebetrieb endete 2002 die Kesselfrist der 78.618 und die Lok musste abgestellt werden.
Nach umfangreicher Hauptausbesserung der Lok im rumänischen Ausbesserungswerk Cluj (Klausenburg/Siebenbürgen) in den Jahren 2007/2008, steht die Starlokomotive der ÖGEG nun wieder bereit, mit der ihr eigenen Eleganz und Mühelosigkeit Sonderzüge über die schönsten Strecken Österreichs zu ziehen.

English